Wie Mikroplastik im Körper den Zellstoffwechsel beeinflussen – und warum klassische „Entgiftung“ hier an Grenzen stößt
- Dr. Reiner Kraft

- vor 23 Stunden
- 7 Min. Lesezeit

Mich beschäftigt Mikroplastik schon lange. Nicht, weil es ein „Trend-Thema“ ist, sondern weil es so unangenehm quer zu vielen unserer gewohnten Gesundheits-Denkmuster liegt: Es ist überall, es ist schwer messbar, und es verhält sich in der Biologie nicht wie ein „normales Toxin“, das man einfach über Leber/Phase-II wegbekommt.
Die fundamentale Frage, die sich da stellt ist:
Was passiert eigentlich in unseren Zellen, wenn diese Partikel im Körper landen?
Je tiefer man in die Literatur eintaucht, desto klarer wird: Mikroplastik im Körper und besonders Nanoplastik ist weniger ein klassisches „Giftmolekül“, sondern eher ein Fremdpartikel-Stress für Zellen.
1. Mikroplastik im menschlichen Körper – der Nachweis
2022 wurde erstmals eindeutig gezeigt, dass Plastikpartikel im menschlichen Blut nachweisbar sind [3]. In dieser Studie wurden verschiedene Polymertypen mittels Pyrolyse-GC/MS identifiziert.
Das war ein Wendepunkt: Mikroplastik ist nicht nur ein Umweltproblem – es ist ein biologisches Expositionsproblem.
Neuere Arbeiten zeigen zudem den Nachweis von Mikroplastik in menschlichem Sperma, mit möglichen Zusammenhängen zur Samenqualität [8].
2. Was in der Zelle passiert: Partikelstress statt Molekültoxikologie
Das zentrale Problem: Biotransformation (Phase I/II) ist für lösliche Moleküle gemacht – Mikroplastik ist aber ein Partikel/Polymer. Das verändert die ganze Logik.
Was Zellen typischerweise mit Partikeln machen:
Endozytose/Phagozytose: Partikel werden „eingepackt“ und in vesikuläre Systeme geschleust.
Lysosomen-Bottleneck: Lysosomen sind die „Recycling-Öfen“ der Zelle – aber Plastik ist biologisch extrem schwer abbaubar. Das kann Autophagie/„zellulären Hausputz“ stören (ein wichtiger Stoffwechsel-Regler).
Mitochondrien/Redox-Stress: In vielen toxikologischen Modellen ist ein wiederkehrender Mechanismus oxidativer Stress, der Energieproduktion, Membranen und Signalwege belastet (besonders relevant in Geweben mit hoher Stoffwechselrate).
Wichtig: Vieles davon kommt aus Zell-/Tiermodellen und Reviews; bei Menschen ist die Evidenzlage (noch) heterogen, vor allem weil Messmethoden stark variieren.
3. Warum „Entgiftung“ (Biotransformation) hier nur begrenzt hilft
Hier ist der Punkt, der dir sofort ins Auge gesprungen ist – und der den Case so schwierig macht:
Das Partikel selbst wird nicht „konjugiert“ oder „neutralisiert“ wie BPA, Alkohol oder Medikamente.
Was Biotransformation durchaus leisten kann: Additive und Begleitchemikalien (z. B. Bisphenole, Phthalate, Flammschutzmittel), die an Plastik hängen oder daraus freigesetzt werden. Das sind Moleküle und damit biochemisch bearbeitbar.
Hier gibt es Studien, die zeigen, dass bestimmte Umweltchemikalien im Schweiß nachweisbar sind:
BPA im Schweiß [4]
Phthalate im Schweiß [5]
PBDE-Flammschutzmittel im Schweiß [6]
Aber: Das sind Moleküle, nicht Plastikpartikel.
Daraus folgt: Wenn jemand „Microplastics detox“ sagt, ist oft eigentlich gemeint:
(a) Exposition senken +
(b) Begleitchemikalien reduzieren/ausleiten +
(c) Entzündung/Redox stabilisieren.
4. Wie messen? Der aktuelle Stand – und warum Vergleiche so schwierig sind
A) Wissenschaftlicher Nachweis im Menschen (Forschung)
Es gibt peer-reviewte Studien, die Plastikbestandteile/Partikel in menschlichen Proben zeigen, z. B. in Blut (Methoden u. a. Py-GC/MS). Ein bekanntes Beispiel ist „Discovery and quantification of plastic particle pollution in human blood“ (Environment International, 2022). Aber: Methoden, Kontaminationskontrolle, gemessene Polymere und Reporting-Einheiten unterscheiden sich – daher sind „Werte“ zwischen Studien oft schlecht vergleichbar.
B) Consumer-/At-Home-Tests (Blueprint Biomarkers)
Bryan Johnson/Blueprint verkauft einen Microplastics Blood Test [2], der Anzahl/Größe/Konzentration der Partikel reportet und einen Vergleich zu anderen Test-Teilnehmern anbietet. Laut Produktseite: „peer-reviewed & independently validated“ und CLIA/COLA-zertifiziertes Labor.
Praktisch ist das interessant, weil es erstmals etwas liefert, das wie ein Biomarker-Tracking wirkt – wissenschaftlich muss man aber sauber dazusagen: Ohne öffentliche Methodendetails/Publikation zur spezifischen Assay-Performance in der Breite bleibt die externe Einordnung limitiert.
5. Bryan Johnsons Beobachtung: starke Reduktion – ein wertvolles Indiz
Im Rahmen seines Blueprint-Programms berichtete Bryan Johnson, er habe eine deutliche Reduktion seiner Mikroplastik-Belastung gemessen [1]
Johnson veröffentlichte selbst, er habe 85 % weniger Mikroplastik in seinem Ejakulat gemessen (165 → 20 Partikel/mL; Nov 2024 → Jul 2025) und parallel einen ähnlichen Drop im Blut berichtet (70 → 10; Okt 2024 → Mai 2025).
Zusätzlich kursiert die Zahl einer ~93 % Reduktion in Blut-Partikeln (z. B. 15 → 1 Partikel) in öffentlichen Zusammenfassungen rund um Blueprint-Biomarkers-Vergleiche.
Warum das wertvoll ist: Es ist (a) in derselben Person (b) über zwei Zeitpunkte und (c) mit einem Tracking-Gedanken. Genau solche N=1-Zeitreihen können Hypothesen generieren.
Warum es trotzdem keine Validierung ist: Es fehlen (öffentlich) Details zu Probenhandling, Kontaminationskontrollen, Reproduzierbarkeit, und vor allem: Es liefen mehrere Interventionen parallel (Expositionsreduktion, ggf. weitere Protokolle). Daher ist „Ursache = Sauna“ nicht bewiesen.
6. Sauna „ausschwitzen“: Was die Studienlage wirklich hergibt
Johnson führt seine Reduktion u. a. auf tägliche Saunagänge zurück.
Was sagt die Wissenschaft?
6.1 Mikroplastik-Partikel über Schweiß ausscheiden?
Dafür gibt es keine robuste peer-reviewte Evidenz, dass feste Polymerpartikel in relevanten Mengen über Schweißdrüsen ausgeschieden werden.
6.2 Was es aber gibt: Studien zu Chemikalien im Schweiß (plastikassoziiert)
Es existieren kleine Studien/Arbeiten, die zeigen, dass bestimmte Umweltchemikalien im Schweiß nachweisbar sind und dass induziertes Schwitzen als Eliminationsweg möglicherweise beitragen kann – allerdings sind das keine großen randomisierten klinischen Studien:
Bisphenol A (BPA) wurde in einem „Blood, Urine and Sweat“-Design im Schweiß gemessen; das Paper diskutiert induziertes Schwitzen als potenziellen Eliminationsweg für BPA (kleine Stichprobe). [4]
Phthalate (Weichmacher) wurden ebenfalls in Blut/Urin/Schweiß untersucht; auch hier: Nachweis im Schweiß, kleine Studie. [5]
Für PBDE-Flammschutzmittel existiert ebenfalls ein BUS-ähnlicher Ansatz zur Messung in Schweiß.[6]
Zusätzlich gibt es neuere Arbeiten, die zeigen, dass Schweiß messbare Mengen bestimmter Metalle/Metalloide enthalten kann. [7] Das belegt Schweiß als Exkretionsweg für einige Stoffe, sagt aber nichts direkt über Mikroplastikpartikel.
6.3 Wie man Johnsons „Sauna-Effekt“ sauber einordnet
Wenn Johnson Sauna als Haupttreiber seiner Reduktion vermutet, ist das als Hypothese plausibel in zwei Richtungen:
Indirekt: Sauna verbessert Entzündungs-/Stoffwechselstatus, was Clearance-Mechanismen (z. B. Lymphfluss, Immunzell-Turnover) begünstigen könnte.
Chemikalien statt Partikel: Sauna könnte eher plastikassoziierte Chemikalien senken, nicht zwingend die Partikel selbst – und Messmethoden könnten teils chemische Signaturen/Fragmente anders abbilden.
Aber: Das bleibt Hypothese – die Studienlage stützt derzeit eher „Chemikalien im Schweiß“ als „Mikroplastik im Schweiß“.
7. Weitere Überlegungen & nächste Schritte
Auch wenn wir noch am Anfang stehen, was das Verständnis von Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper angeht, gibt es konkrete Schritte, die heute schon einen Unterschied machen – plus sinnvolle Wege für alle, die tiefer einsteigen wollen.
7.1 Exposition senken – der größte Hebel
Die wissenschaftliche Evidenz zeigt klar: der stärkste Einflussfaktor ist, wie viel Mikroplastik wir überhaupt aufnehmen. Je weniger Exposition, desto geringer die potenzielle Belastung für Zellen und Stoffwechsel.
Praktische Ressourcen mit sofort umsetzbaren Tipps:
➡️ WWF Deutschland – Tipps zur Vermeidung von Mikroplastik im Alltag Konkrete, alltagstaugliche Maßnahmen z. B. plastikfreie Verpackungen, bewusstes Einkaufen, plastikfreie Küchenpraxis und mehr.🔗 https://www.wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/tipps-zur-vermeidung-von-mikroplastik
➡️ AOK – So einfach kann man Mikroplastik vermeiden Ein leicht verständlicher Leitfaden mit 8 praktikablen Maßnahmen, etwa zur Trinkwasserwahl, Kunststoffvermeidung im Haushalt und bewusster Konsumentscheidung.🔗 https://www.aok.de/pk/magazin/nachhaltigkeit/wasser-luft/so-einfach-kann-man-mikroplastik-vermeiden
Was du heute sofort tun kannst:
Wechsel zu Glas, Edelstahl oder Keramik statt Plastik in Küche und Haushalt
Plastikfreie Verpackungsalternativen beim Einkaufen wählen
Trinkwasserfiltration statt Einweg-Plastikflaschen
Bewusste Auswahl von Textilien und reduziertes Waschen synthetischer Kleidung
Diese strategische Reduktion wirkt sich nicht nur auf Mikroplastik-Partikel aus, sondern reduziert auch die Aufnahme zahlreicher plastikassoziierter Chemikalien – ein doppelter Schutz für deinen Körper.
7.2 Barriere & Ausscheidung stärken – ein komplexer, aber entscheidender Bereich
Ein starkes biologisches System kann Belastungen besser auffangen und regulieren. Hier geht es um:
Darmgesundheit
Der Darm bildet eine der wichtigsten Barrieren gegen externe Partikel.Wichtige Faktoren:
Integrität der Darmwand (z. B. Tight Junctions)
Mikrobiom-Balance
Schleimschicht-Funktion
Biofilm-Regulation
Diese Komponenten bestimmen, wie viel Partikel im Körper bleibt oder wieder ausgeschleust wird.
Lunge & Schleimhäute
Luftgetragene Mikroplastik-Partikel setzen sich in Atemwegen fest. Eine gesunde Schleimhaut- und Atemwegsfunktion reduziert Aufnahme.
Redox-Balance & Entzündungsregulation
Umweltstressoren wirken oft über oxidative Stresswege. Das heißt:
Antioxidationskapazität
Endogene Entzündungsregulation
Genetische Varianten (SNP-Profile im Redox-System)
… spielen eine Rolle dabei, wie gut ein System mit Belastungen umgehen kann.
Diese Themen sind biologisch komplex und individuell verschieden.
👉 Genau hier setzt meine Longevity-Coaching-Ausbildung an: wissenschaftliche Mechanismen + individuelle Assessments + konkrete Interventionen zur Stärkung von Barrieresystemen, Redox-Regulation und Mikro-Stress-Resilienz.
8.3 Für proaktive Anwender:innen: Präventions-Check
Für alle, die jetzt aktiv etwas für ihre Gesundheit tun wollen – ohne gleich in umfassende Coaching-Programme einzusteigen:
👉 Präventions-Check mit funktioneller Laserspektroskopie: Dieser Check bietet ein nicht-invasives, funktionelles Bild deines Zellstoffwechsels, inklusive:
Entzündungszustand
oxidativer Stress
Zellenergie-Effizienz
Er misst zwar nicht direkt Mikroplastik-Belastung, aber er zeigt frühzeitig, in welche Richtung dein System tendiert – was ein hervorragender erster Schritt für Präventionsstrategien ist.
Warum das wertvoll ist:Viele Belastungsreaktionen wirken über entzündliche/oxidative Mechanismen. Ein frühzeitiges funktionelles Bild hilft, gezielter zu intervenieren.
8.4 Für jeden, der tiefer einsteigen möchte
Wenn du tiefer gehen willst, stehen weiterführende Coaching- und Interventionspfade offen, z. B.. das Full-Body-Reset Programm. Es enthält unter anderem Biomarker-Basierte Analysen, sowie DNA/Genetik-gestützte Assessments
Diese Tools erlauben es, individuelle Stoffwechsel-Profile, Stressvarianten, genetische Dispositionen und adaptive Kapazitäten systematisch zu analysieren und gezielt zu adressieren.
Referenzen
[1] Bryan Johnson – Post: „I eliminated 85% of microplastics from my ejaculate.“ (eigene Veröffentlichung, repost/archiviert)URL: https://posts.bryanjohnson.com/tweets/i-eliminated-85-of-microplastics-from-my-ejaculat/
[2] Blueprint – Microplastics Test (Produktseite, Testbeschreibung/Assay-Claims)URL: https://blueprint.bryanjohnson.com/products/microplastics-test
[3] Leslie et al. (2022) – Discovery and quantification of plastic particle pollution in human blood (PDF)URL: https://www.wacaprogram.org/sites/default/files/knowdoc/Leslie%20et%20al%202022.pdf
[4] Genuis et al. (2012) – Human Excretion of Bisphenol A: Blood, Urine, and Sweat (BUS) Study (PDF)URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1155/2012/185731
[5] Genuis et al. – Human Elimination of Phthalate Compounds: Blood, Urine, and Sweat (BUS) Study (PDF)URL: https://www.researchgate.net/profile/Stephen-Genuis/publication/233850050_Human_Elimination_of_Phthalate_Compounds_Blood_Urine_and_Sweat_BUS_Study/links/00b4951a2120eb51fa000000/Human-Elimination-of-Phthalate-Compounds-Blood-Urine-and-Sweat-BUS-Study.pdf
[6] Human Excretion of Polybrominated Diphenyl Ether Flame Retardants: Blood, Urine, and Sweat Study (ePDF)URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1155/2017/3676089
[7] MDPI IJERPH (2022) – Excretion of Ni, Pb, Cu, As, and Hg in Sweat under Two Sweating ConditionsURL: https://www.mdpi.com/1660-4601/19/7/4323
[8] MDPI Toxics (2025) – The Presence of Microplastics in Human Semen and Their Associations with Semen QualityURL: https://www.mdpi.com/2305-6304/13/7/566
[9] WWF Deutschland – Tipps zur Vermeidung von Mikroplastik im Alltag
Dieser Artikel erklärt, wie Mikroplastik im Alltag vorkommt und welche konkreten Verhaltensänderungen helfen, die Aufnahme zu reduzieren – z. B. unverpackt einkaufen, Plastikvermeidung oder Müllvermeidung. https://www.wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/tipps-zur-vermeidung-von-mikroplastik
[10] AOK – 8 Tipps zur Minimierung von Mikroplastik in Alltag, Wasser & Luft
Ein weiterer gut strukturierter Ratgeber mit praxisnahen, sofort umsetzbaren Maßnahmen – von Trinkwasserwahl über bewusste Konsumentscheidungen bis zu Alltagsverhalten. https://www.aok.de/pk/magazin/nachhaltigkeit/wasser-luft/so-einfach-kann-man-mikroplastik-vermeiden




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