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Ist Longevity momentan primär ein Frauenthema? Warum Männer früher sterben und später anfangen

  • Autorenbild: Dr. Reiner Kraft
    Dr. Reiner Kraft
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Ist Longevity primär ein Frauenthema? Warum Männer früher sterben und später anfangen

Letztes Wochenende, am 21. März, habe ich ein Longevity-Retreat im Hofgut Schmitte in Biebertal begleitet.


Ein besonderer Ort: Ruhig gelegen, fast abgeschieden, mit einer Atmosphäre, die sofort entschleunigt. In den vergangenen Monaten hatte ich das Team dort beim Aufbau ihres Longevity-Angebots unterstützt. Schritt für Schritt ist ein Setup entstanden, das heute vieles vereint: Eisbaden, Infrarot-Anwendungen, Airnergy-Sauerstofftherapie, ein umfassender Wellnessbereich und inzwischen auch IHHT-Höhentraining. Ein Ort, an dem man Gesundheit nicht nur versteht, sondern erlebt.


Das Retreat selbst war schnell ausgebucht. Zwanzig Teilnehmer.


Alle Frauen.


Zunächst habe ich das einfach registriert. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger ließ es mich los. Nicht, weil es ungewöhnlich gewesen wäre. Sondern weil es so eindeutig war.


Keine einzige Ausnahme. Nicht ein Mann (außer mir).


Und irgendwann stand da eine Frage, die sich nicht mehr wegschieben ließ: Ist Longevity derzeit vor allem ein Thema für Frauen? Und könnte genau darin ein Teil der Erklärung liegen, warum Männer früher sterben?


Der Moment, in dem es offensichtlich wird


Wenn man sich mit Longevity beschäftigt, beschäftigt man sich irgendwann zwangsläufig mit Zahlen. Und die sind ernüchternd. Frauen leben im Schnitt mehrere Jahre länger als Männer. Das gilt weltweit, unabhängig von Kultur oder Gesundheitssystem. [6]


Ich kannte diese Zahlen schon lange. Aber an diesem Wochenende haben sie plötzlich ein Gesicht bekommen. Zwanzig Frauen, die aktiv an ihrer Gesundheit arbeiten. Und eine unsichtbare Gruppe von Männern, die nicht da war.


Nicht, weil sie nicht eingeladen waren. Sondern weil sie nicht gekommen sind.



Die naheliegende Erklärung - und warum sie nicht reicht


Natürlich könnte man sagen: Biologie. Frauen haben hormonelle Vorteile. Ein robusteres Immunsystem. Genetische Redundanzen. Das stimmt alles.


Aber es erklärt nicht, was ich dort gesehen habe. Biologie erklärt keine Entscheidungen. Und auch kein Verhalten. Und genau dort liegt der Unterschied.



Was ich beobachtet habe


Die Frauen in diesem Retreat hatten etwas gemeinsam. Sie waren nicht krank. Sie waren nicht am Ende ihrer Energie. Sie waren nicht gezwungen, etwas zu verändern.


Sie waren früh dran.


Sie wollten verstehen, messen, optimieren. Nicht, weil sie mussten. Sondern weil sie konnten. Das ist denke ich der eigentliche Unterschied.



Der Satz, der sich daraus ergeben hat


Irgendwann habe ich es für mich so formuliert:


Männer sterben nicht nur früher. Sie steigen auch später ins Spiel ein.

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie präzise dieser Satz ist.

Und wie gut er durch Studien gedeckt ist.



Was die Forschung dazu sagt


Es gibt eine erstaunlich konsistente Datenlage: Männer gehen seltener zum Arzt. Sie suchen später Hilfe. Sie nutzen Prävention deutlich weniger.


Eine der bekanntesten Arbeiten dazu zeigt, dass Männer medizinische Unterstützung oft erst dann in Anspruch nehmen, wenn Symptome nicht mehr ignoriert werden können [1].


Ein anderer Forschungsstrang geht noch tiefer: Gesundheitsverhalten ist kulturell geprägt. Sich nicht zu kümmern, Dinge auszuhalten, nicht zu reagieren - all das wird bei Männern häufig nicht als Problem gesehen, sondern als Stärke [2].


Männer gehen im Schnitt deutlich seltener zum Arzt und nehmen Präventionsangebote weniger wahr [3]. Die Folge ist systematisch: Krankheiten werden später erkannt, später behandelt und verlaufen häufiger schwerer.


Was Studien zeigen, bestätigt sich in der Praxis erstaunlich klar ...


Was ich in der Praxis immer wieder sehe


Je länger ich mit Menschen im Longevity-Kontext arbeite in meiner Epigenetik-Praxis, in meinen Coaching Programmen und auch in meiner Longevity-Coaching Ausbildung, desto klarer wird mir: Es geht nicht nur um Wissen. Es geht vor allem darum, wann und wie Menschen einsteigen. Über die Zeit haben sich für mich bestimmte Muster herausgebildet. Fast jeder lässt sich, bewusst oder unbewusst, einem dieser Typen zuordnen.


1. Der Reaktive


Das ist der größte Block. Menschen, die sich im Alltag kaum mit ihrer Gesundheit beschäftigen. Keine Prävention. Keine regelmäßigen Check-ups. Der Körper funktioniert, also wird nichts hinterfragt.


Erst wenn Symptome auftreten, wird gehandelt. Dann aber oft unter Zeitdruck, Unsicherheit und mit begrenzten Optionen.


Das Problem: Zu diesem Zeitpunkt ist Longevity keine Gestaltung mehr. Sondern Schadensbegrenzung.


2. Der Basis-Präventive


Dieser Typ macht die klassischen Dinge richtig.


  • jährlicher Check-up

  • Vorsorgeuntersuchungen

  • ein gewisses Grundbewusstsein


Das ist ein wichtiger Schritt und deutlich besser als nichts.


Aber:


Es bleibt oft auf der Oberfläche. Die Maßnahmen sind standardisiert, nicht personalisiert. Man reagiert innerhalb des Systems, aber man steuert es nicht aktiv.


3. Der Angestoßene


Ein spannender Typ und extrem häufig. Der Impuls kommt selten aus der Person selbst. Sondern von außen.


Oft ist es die Partnerin, die sagt: „Du solltest dich mal darum kümmern.“


Der Einstieg erfolgt also nicht aus intrinsischer Motivation, sondern aus einem Anstoß.


Das kann in zwei Richtungen gehen:


  • Entweder bleibt es ein einmaliger Impuls

  • oder es wird der Einstieg in ein neues Bewusstsein


Hier entscheidet sich oft, ob jemand langfristig dranbleibt.


4. Der Performance-Treiber


Diese Gruppe wächst. Menschen, die nicht aus Angst handeln, sondern aus Anspruch.


  • Executives

  • Unternehmer

  • High Performer


Sie wollen nicht nur gesund bleiben. Sie wollen funktionieren auf einem höheren Level.


Hier geht es um:


  • Energie

  • Fokus

  • Stressresilienz

  • Output


Was ich interessant finde: Diese Gruppe ist besonders empfänglich für datenbasierte Ansätze. Genau deshalb arbeite ich mit einigen von ihnen im Rahmen meines Longevity Code Programms. Alles ist messbar. Alles hat KPIs. Alles wird iterativ optimiert.

Und genau deshalb sprechen Programme wie EVER Precision diese Zielgruppe so stark an.


5. Der Neugierige


Das ist oft der Übergangstyp. Menschen, die beginnen, Fragen zu stellen:


  • Wie funktioniert mein Körper eigentlich?

  • Wo stehe ich wirklich?

  • Was kann ich konkret verbessern?


Viele von ihnen kommen über einen ersten Schritt hinein. Zum Beispiel über funktionelle Analysen wie die Laserspektroskopie. Nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie verstehen wollen. Das ist oft der Moment, in dem aus Interesse echte Veränderung wird.



Was alle Typen verbindet


Am Ende geht es nicht darum, in welche Kategorie jemand fällt. Sondern darum, ob und wann sich etwas verändert.


Die entscheidende Frage ist immer dieselbe:


Beginne ich früh genug, mich mit meiner Gesundheit auseinanderzusetzen oder warte ich, bis mein Körper mich dazu zwingt?


Der eigentliche Unterschied entsteht viel früher


Was mich an der Diskussion lange gestört hat, war der Fokus auf das Alter. Herzinfarkt. Krebs. Demenz. All das passiert in der Regel spät.


Aber die Ursache liegt nicht dort.


Der Unterschied entsteht Jahrzehnte vorher.


In den Dreißigern.In den Vierzigern. In den täglichen Entscheidungen, die niemand sieht.

Während ein Teil der Frauen beginnt, sich mit Schlaf, Ernährung, Stress und Biomarkern zu beschäftigen, bleibt anscheinend ein großer Teil der Männer im Modus des Funktionierens. Solange es läuft, wird nichts verändert (So lief das damals bei mir auch, als ich noch in Kalifornien gelebt hatte).



Das Problem mit dem späten Einstieg


Das tückische daran ist, dass dieser Ansatz lange funktioniert. Man kann viele Jahre mit suboptimalem Schlaf, chronischem Stress und schlechter Ernährung kompensieren. Der Körper ist erstaunlich resilient.


Bis er es nicht mehr ist.


Und genau dann beginnt das, was viele Männer als „plötzliche“ Erkrankung erleben.

Was in Wirklichkeit das Ergebnis von zwanzig Jahren Verzögerung ist.



Ein Beispiel, das immer wieder auftaucht für Männer im Kontext von Longevity


Wenn man sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen anschaut, wird das Muster besonders deutlich. Männer haben frühere Ereignisse.Höhere Mortalität. Aber gleichzeitig: Weniger Prävention. Schlechtere Lifestyle-Werte.


Das ist kein medizinisches Rätsel. Das ist eine zeitliche Verschiebung.



Der größte Hebel in Bezug auf Longevity liegt im Verhalten


Eine der spannendsten Studien der letzten Jahre zeigt, wie stark Lebensstil die Lebenserwartung beeinflusst.


Fünf Faktoren machen einen massiven Unterschied [4]:


  • Nicht rauchen.

  • Sich regelmäßig bewegen.

  • Sich ausgewogen ernähren.

  • Ein gesundes Körpergewicht halten.

  • Alkohol reduzieren.


Das Überraschende ist nicht, dass diese Faktoren wirken. Sondern wie unterschiedlich sie umgesetzt werden.


Männer schneiden in fast allen Kategorien schlechter ab. Nicht, weil sie es nicht wissen. Sondern weil sie später anfangen.



Was ich an diesem Wochenende verstanden habe


Das Retreat hat mir etwas sehr Klar gemacht: Longevity ist aktuell kein Frauenthema. Aber es wird von Frauen getragen.


Nicht, weil sie biologisch dazu prädestiniert sind. Sondern weil sie früher einsteigen. Früher hinschauen. Früher reagieren. Früher Verantwortung übernehmen.



Die eigentliche Ironie


Wenn man die Daten nüchtern betrachtet, wird ein Paradox sichtbar: Die Gruppe, die am meisten von Longevity profitieren würde, ist die, die am wenigsten vertreten ist.


Männer haben ein höheres Risiko für die wichtigsten Erkrankungen. Mehr Stressbelastung.Schlechtere metabolische Ausgangswerte, insbesondere vor dem 65. Lebensjahr [5]. Gleichzeitig ist ihre Präventionsrate geringer.


Der potenzielle Effekt von präventivem Verhalten ist bei ihnen oft größer. Und trotzdem beginnen sie später.



Was sich ändern müsste


Ich glaube nicht, dass das Problem mangelndes Interesse ist.


Ich glaube, es ist die Art, wie das Thema adressiert wird.


Longevity wird oft als etwas Ruhiges, Ausgleichendes, Langfristiges kommuniziert. Das spricht viele Frauen an.


Viele Männer hingegen reagieren stärker auf:


  • Leistung

  • Energie

  • Funktion

  • Messbare Ergebnisse


Vielleicht geht es also weniger darum, Menschen zu verändern. Sondern darum, die Sprache zu verändern.



Am Ende bleibt eine einfache Frage


Nach diesem Wochenende ist für mich eine Sache klarer als vorher: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen entsteht nicht am Lebensende.


Er entsteht am Anfang ihrer Gesundheitsreise.


Und damit wird Longevity zu einer Frage, die nichts mit Alter zu tun hat. Sondern mit Timing.


Wann beginne ich, mich wirklich damit zu beschäftigen, wie mein Körper funktioniert?


Und bin ich früh genug dran oder warte ich, bis er mich dazu zwingt?




📚 Referenzen


[1] Galdas, P. M., Cheater, F., & Marshall, P. (2005)Men and health help-seeking behaviour: literature reviewJournal of Advanced Nursinghttps://doi.org/10.1111/j.1365-2648.2004.03331.x


[2] Courtenay, W. H. (2000)Constructions of masculinity and their influence on men’s well-beingSocial Science & Medicinehttps://doi.org/10.1177/109019810002700101


[3] OECD (2023)Health at a Glance – Gender differences in health usehttps://www.oecd.org/health/health-at-a-glance/

(zeigt u. a. geringere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen durch Männer)


[4] Li, Y. et al. (2018)Impact of healthy lifestyle factors on life expectancies in the US populationCirculationhttps://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.117.032047


[5] European Society of Cardiology (ESC)Cardiovascular disease statisticshttps://www.escardio.org/Research/Statistics


[6] World Health Organization (WHO)Global Health Observatory – Life expectancyhttps://www.who.int/data/gho/data/themes/mortality-and-global-health-estimates



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